Zipperlein – und dann?!­

Gespräche über ­­­­Krankheiten sind weder geistlos noch langweilig. Susanne, Barbara, Helga und Christine treffen sich seit vielen Jahren an jedem ersten Sonntag im Monat zum Brunch in jenem charmanten Café mit Ostseeblick. Eine muntere Runde mit nie versiegendem Gesprächsstoff und viel Spaß. Bis zum 8. Januar. ­­Da hatte Helga ausführlich ihre Arthrose im Hüftgelenk geschildert und Sus­­­anne fiel sofort mit ihren Blutdruckbeschwerden ein. „Werdet ihr jetzt alt und könnt nur noch über Krankheiten sprechen?“, hatte Barbara mehr wütend als fragend in die Runde geworfen. Die Stimmung war dahin und die Frage, ob es blöd und langweilig ist, über Krankheiten zu sprechen, blieb unbeantwortet.

Die Antwort ist vielschichtig. Nicht umsonst ist die Gesundheit eines Menschen seine Sache, sind Ärzte und Therapeuten zum Schweigen verpflichtet und die  Daten besonders geschützt. Wie ist das aber unter Freunden? „Irgendwann stellen sich eben die Zipperlein ein“, berichtet Christine, die Architektin, die demnächst ganz geplant aus dem Berufsleben aussteigen wird. „Als mich zum ersten Mal mein Ischiasnerv fast lahmlegte, war ich zuerst panisch. Später begriff ich die Signale meines Körpers, der mir mitteilte, dass er keine Maschine ist, sondern Pausen, Ruhezeiten und Fürsorge braucht. Seitdem achte ich sehr darauf, was mit mir passiert. Gesundheit ist mit über 60 kein Geschenk“, weiß sie. Nun ist ein Ischiasnerv ein salonfähiges Thema und über ziemlich viele Krankheiten kann man sprechen, über einen Herzinfarkt, über Krebs, vielleicht sogar über Aids. Manche Krankheiten empfinden viele Menschen aber als so peinlich, dass man sie am liebsten verschweigt. Wer mag schon Hämorrhoiden oder Blasenschwäche thematisieren? Dabei leiden etwa vier Millionen Menschen in Deutschland an Inkontinenz, aber nur die Hälfte davon lässt sich behandeln. Genau an dieser Stelle führen falschverstandene Schamgefühle oft zu einem Rückzug aus dem sozialen Umfeld. Dabei gibt es auch bei dieser Krankheit Heilungs- oder zumindest Besserungschancen. Gespräche mit dem Arzt und den Vertrauten im ­­­Familien- und Freundeskreis sind der Anfang für das Verlassen der Unsicherheit und Isolation.

Natürlich ist es nur allzu menschlich, Krankheiten zu verdrängen. Doch richtig ist es nicht. Als im Jahr 2005 die australische Popsängerin Kylie Minogue ihre Brustkrebserkrankung öffentlich machte, gingen Millionen Frauen weltweit zur Vorsorge-Untersuchung. Höchstwahrscheinlich hat Minogues mutiges Bekenntnis abseits von Glamour und Titelbild-Schönheit Leben gerettet. Das Tagebuch des inzwischen verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief über seine Krebserkrankung ist für Betroffene nicht nur eine Stütze, sondern weckt auch bei den Gesunden Empathie und lässt nachvollziehen, durch welche Tiefen eine Krankheit führt. Zugleich zeigt es, dass bei einer schweren Erkrankung die Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand und Lebensniveau – gleich sind: sie fürchten den Tod. Ganz sicher sind Rheuma, Gicht & Co. kein Small-Talk-Thema. Niemand möchte beim lockeren Plausch während des Geschäftsempfangs über Bandscheibenvorfall und Prostatabeschwerden etwas hören. Da geht höchstens ein Schnupfen, der dann schnurstracks zum Thema Wetter führt. Aber wenn es uns wirklich erwischt hat, wenn Schmerzen und Befürchtungen uns plagen, ist ein Gespräch wie eine Therapie. Und genau hier zeigt sich auch, wie tief eine Freundschaft ist. Hält sie körperliche Beeinträchtigungen, Zweifel und Sorgen aus? Weckt sie Kräfte, die immer da waren, bisher nur nicht abgerufen werden mussten? ­­­­
Christine schrieb den Freundinnen eine Mail, in der sie an den Brunch am 4. Februar erinnerte und vorschlug, dass von nun an auch über Hallux, Migräne, Arthrose und Blasenschwäche gesprochen werden kann. Aber nicht mehr als ein halbes Stündchen, schließlich hat das Leben für die vier noch viele andere Themen: Tanzen gehen, Sport treiben oder ein Wellness-Wochenende – der Körper braucht eben Aufmerksamkeit und Fürsorge.
                          

MAGAZIN Lübecker Bucht • Schwartauer Straße 106 • 23611 Sereetz
Telefon: 0451-39778815 • Telefax: 0451-39778811 • E-Mail: info(@)mlb-verlag.de